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"Ein Bayer besichtigt die Berliner Mauer"
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"Ein Bayer besichtigt die Berliner Mauer"
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| Ein Bayer besichtigt die Berliner Mauer |
Alois war ein Urbayer aus dem Allgäu, ausgestattet mit den gängigen
Attributen wie Trachtenkleidung, Verzehr von Schweinshaxe, Leberkäs und
viel Weißbier. Den Mann störte seit Jahren, dass er für den Osten einen
Solidaritätszuschlag zahlen musste, und die Gespräche am Stammtisch wurden
gewürzt mit allerhand Kraftausdrücken, wenn man auf diesen politischen
Missstand zu sprechen kam. Einmal meinte Alois nach reichlich getrunkener
Maß Bier, er wird beim Bayerischen Landtag ein Gesetz anregen, die Berliner
Mauer wieder aufzubauen, um in Deutschland die alte Ordnung herzustellen.
Dazu schlägt er einen Fonds vor und zahlt 1000 Euro. Auch die anderen
Männer wollten sich spontan mit ähnlichen Summen beteiligen.
Alois beschloss, erstmals nach Berlin zu fahren, um sich vor Ort ein Bild zu
machen, die Standorte der früheren Mauer zu erkunden. Er mietete ein Hotel
im Westteil der Stadt. Als er aus dem Fenster sah, erblickte er den im Ostteil
stehenden Fernsehturm, und er sagte sich: "Dort haben’s gehaust, die
Kommunisten." Er überlegte, ob er seiner persönlichen Sicherheit zuliebe die
ehemalige Grenze überschreiten sollte. Er erkundigte sich an der
Hotelrezeption, und man beruhigte ihn: "Fahren sie mal zum Alexanderplatz,
dort passiert Ihnen nichts."
Alois bestieg, nachdem er ein gewisses Angstgefühl überwunden hatte, ein
Taxi, und der Fahrer zeigte ihm die East Side Gallery an der Mühlenstraße.
Die wenigen Reste des Bauwerkes vom 13. August 1961 bestärkten ihn in
seiner absurden Idee, die Mauer 155 Kilometer quer durch die Stadt neu
entstehen zu lassen. "Sollte man wieder aufbauen", sagte er zum Taxifahrer,
aber der winkte ab: "Wozu? Ist doch besser so." Daraufhin mochte Alois das
Gespräch nicht mehr fortsetzen. Er besichtigte noch den ehemaligen
Grenzübergang Checkpoint Charly und stieg in der Friedrichstraße aus. Hier
wunderte er sich über die vielen Geschäfte und Touristen und dachte bei sich:
"Hat alles der Westen den Ossis in den Arsch geblasen, wir haben’s bezahlt."
Dieser Zorn regte seinen Appetit an, und er verschlang im S-Bahnhof zwei
Currywürste, war aber sauer, weil es kein Weißbier gab.
Der Bayer aus dem Allgäu fuhr einige Stationen mit der U-Bahn. Hier
zerkratzten gerade zwei Jugendliche eine Fensterscheibe, und er sagte: "Was
ist in euch gefahren, lasst´s das bleiben." Daraufhin richtete einer sein Messer
auf Alois: "Was ist los, Alter? Wie sprichst du denn, bist du Ausländer?" Zwei
Männer griffen ein und meinten: "Haut ab, oder wir rufen die Polizei."
Nach diesem Erlebnis packte Alois im Hotel sofort seine Koffer und flog
nach München zurück. Wieder im Allgäu am Stammtisch, erzählte er von
seinen Erlebnissen. Die Männer schüttelten die Köpfe und bestellten eine neue
Runde Weißbier. Alois erklärte: "Die Mauer muss wieder her. Ich schreibe an
den Bayerischen Landtag. Kennt ihr einen guten Rechtsanwalt, der den Brief
formuliert?"
ENDE
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