Werner Pfelling
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3. Kurzgeschichte
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"Der Club der Reumütigen"

Drei Männer gründen einen Club,
in dem sich Menschen auf
freiwilliger Basis von
Schuldgefühlen reinigen können.

14 A5 Seiten
78 kb

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"Der Club der Reumütigen"

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Der Club der Reumütigen

In der Berliner Kneipe "Zum geizigen Wirt" hatten sich drei Männer kennen gelernt und angefreundet. Ihre Gespräche am Stammtisch führten eines Tages dazu, das Hinterzimmer zu nutzen, um ungestört zu sein. Man muss dazu wissen, dass Christian, kurz vor der Rente, als Wortführer galt. Er war ein arbeitsloser Lehrer und lebte von der Stütze. Holger, etwa um die dreißig, verdiente sein Geld als Kartenverkäufer in einem Kino mit vielen Sälen. Olaf, der Jüngste, erst um die zwanzig, war Autolackierer in einer gut gehenden Werkstatt. Beide hatten in Ermangelung eigener politischer Standpunkte Vertrauen zu Christian gefasst, der sich gern reden hörte und utopisches Gedankengut von sich gab. Er schwärmte von einer gerechteren Welt mit geläuterten Menschen.

Der ehemalige Lehrer erhob sich und setzte zu einer kleinen Rede an: "Wir gründen heute den Club der Reumütigen. Ähnlich dem Treffen der anonymen Alkoholiker wollen wir, allerdings ohne Anonymität, eine soziale Gemeinschaft mit freimütiger Aussprache sein. Mitglied kann werden, wer andere Personen schädigte oder betrog, wegen seiner Verfehlungen ein schlechtes Gewissen hat und sich von Schuldgefühlen reinigen will. Der Mitgliedsbeitrag soll drei Euro im Monat betragen." Danach meldete sich Holger zu Wort: "Ich schlage Christian zu unserem Geschäftsführer vor, Olaf zum Kassenwart, und ich mache den Pressechef." Alle drei stimmten zu und bestellten eine neue Runde Bier.

Dann begann die Aussprache. Olaf, der gerade ernannte Kassenwart, sagte: "Wie ihr wisst, bin ich der Jüngste in der Runde. Ich war ein Raser und habe einen Menschen totgefahren. Ich werde mir Gedanken machen und das nächste Mal erklären, wie es dazu kam." Dann meldete sich Geschäftsführer Christian zu Wort: "Ihr habt euch schon manchmal über mich lustig gemacht, weil ich Millionär war und das ganze Geld verprasst habe. Ich muss mir überlegen, welcher Teufel mich geritten hat." Schließlich sagte Pressechef Holger: "Ich war ein Stalker und habe mich gegenüber meiner Frau, die sich von mir trennte, unmöglich benommen und ihr das Leben schwer gemacht. Ich muss mich fragen, warum ich so geworden bin." Anschließend wurden organisatorische Dinge besprochen, wie der Club der Reumütigen in der Öffentlichkeit bekannt wird und Zulauf findet.

Eine Woche später trafen sich die drei Männer zur zweiten Sitzung in der Kneipe "Zum geizigen Wirt" und bestellten Bier. Pressechef Holger berichtete, seine Erkundungen in Zeitungsredaktion hätten ergeben, dass Annoncen viel zu teuer sind. Daraufhin schlug Kassenwart Olaf vor, Werbezettel für den Club der Reumütigen auf seinem Computer zu drucken und sie in öffentlichen Verkehrsmitteln auf die Sitze zu legen, und alle stimmten zu.

Dann erzählte Geschäftsführer Christian, wie es ihm in drei Jahren gelungen war, eine Million Euro zu verjubeln: "Ich war gerade geschieden, als ich im Fernsehen die Lottozahlen hörte, blieb aber skeptisch. Am nächsten frühen Morgen rannte ich zum Kiosk und kaufte eine Tageszeitung. Tatsächlich, es waren dieselben Zahlen einschließlich der Superzahl. Nach Prüfung meines Lottoscheins befand sich die Million bald auf meinem Konto. Es meldeten sich zahlreiche Verwandte und Vereine, wie viel Geld ich spenden will, aber ich blieb hart. Das bereue ich heute, wenn ich die hungernden Kinder in Afrika denke.

Meiner geschiedenen Frau machte ich einige Geschenke, sozusagen Abschiedsgeschenke, sie war sehr verwundert, den wahren Grund nannte ich ihr nicht. Heute schäme ich mich, wenn ich nennen müsste, was die Schuhe, die Handtasche und der Schal gekostet haben. Dann begann meine große Reisezeit einmal um die ganze Welt. Die Erlebnisse möchte ich nicht missen, die Erde hat viel zu bieten. Aber Flüge und Hotels kosten viel Geld. Ich wollte modern gekleidet sein und ließ auf den verschiedenen Kontinenten mir unbekannte Speisen schmecken, sparte auch nicht an manch edlem Tropfen. Jedenfalls dachte ich, das Leben geht immer so weiter, ich habe genügend Reserven. Ich war leider kein Mathematiklehrer, sondern habe schöngeistige Fächer unterrichtet."

"Hat dich denn deine Bank nicht darauf aufmerksam gemacht, wie deine Million schrumpft?", fragte jemand in der Runde. "Eigentlich nicht, denn es war mein Geld, und ich konnte damit machen, was ich wollte. Leider hatte ich allerhand Aktien gekauft, aber es war nur ein Verlustgeschäft. Jetzt lebe ich von der Stütze und blättere in Erinnerungsfotos. Ich gebe zu, ich habe das Geld übereilt und ziellos ausgegeben und war ein Egoist."

Dann meldete sich Kassenwart Olaf zu Wort: "Vor drei Jahren geschah der Unfall mit tödlichem Ausgang. Ich war in einer Phase meiner Jugend, die ich in vollen Zügen genießen wollte. Dazu gehörten auch Alkohol und Drogen. In der damaligen Nacht blitzte ich in der Disco bei Frauen ab, hatte wohl zu viel durcheinander getrunken, und ich setzte mich frustriert in meinen Mazda. Ich überfuhr mehrere rote Ampeln, weil ich nicht dauernd anhalten wollte. Dann raste ich in ein anderes Auto. Ich stieg gemütlich aus, als wäre nichts geschehen und rannte davon, beging Fahrerflucht. Am nächsten Morgen meldete ich mich bei der Polizei, nachdem ich aus den Nachrichten erfuhr, dass meinetwegen eine Frau ums Leben gekommen war."

Daraufhin machte Olaf eine lange Pause, ehe er fortfuhr: "Während des Prozesses saß ich mit versteinerter Miene, wollte keine Reue zeigen. Ich wurde zu 19 Monaten verknackt und habe mich inzwischen bei den Hinterbliebenen entschuldigt. Was soll ich sonst tun? Ich kann die Todesfahrt nicht rückgängig machen. In solchen Situationen setzt der Verstand aus, und man denkt sogar, dass man im Recht ist, will sich kein Fehlverhalten eingestehen. Wenn ich wieder einer Fahrerlaubnis besitze, will ich kein Raser mehr sein, das müsst ihr mir glauben." Es entstand betretenes Schweigen. Dann wurde Olaf gefragt: "Hast du manchmal Gewissensbisse?" - "Schon. Ich versuche, die Bilder vom Unfall in meinem Gedächtnis zu verscheuchen oder an die Zeit in der Zelle zu denken, und ich nehme mir vor: Mach bloß nicht wieder so einen Scheiß."

Dann erzählte Pressechef Holger seine Geschichte: "Ich war mit einer sehr schönen Frau verheiratet, die ich mehrmals betrog. Daraufhin hat sie mich verstoßen. Das konnte ich nicht verkraften. Ich habe mich tausendmal entschuldigt, mich vor ihr auf die Knie geworfen, geheult wie ein Schlosshund - es hat alles nichts genutzt. Sie forderte mich auf, meine sieben Sachen zu packen und die Wohnung zu verlassen. Schon stand ihr Neuer in der Tür, der mir böse Blicke zuwarf. Ich habe meiner Frau ständig E-Mails geschickt, die sie nicht beantwortete. Beim Scheidungstermin war ich voller Bitterkeit, da ich bei der Aufteilung unseres Vermögens viel Geld verlor. Danach begann ich die Frau regelrecht zu terrorisieren. Bei Telefonanrufen sagte ich ihr, dass sie mein Leben zerstört hat und ich nun ihres zerstören werde.

Ich kontrollierte im Briefkasten ihre Post und erhöhte die tägliche Anzahl von E-Mails auf ihrem Computer. Schließlich stellte ich Nacktfotos von ihr ins Internet, Fotos, die während unserer zwei glücklichen Ehejahre entstanden. Nach einem Gerichtsurteil musste ich wegen der Veröffentlichung pornografischer Schriften 2000 Euro Strafe zahlen. Seitdem ich euch kenne, habe ich den Stalker-Terror eingestellt." Holger wurde gefragt, wieso er so grausam handeln konnte, ob es etwas mit seiner Kindheit zu tun hat. "Nein, ich habe diese Frau aus Liebe geheiratet und hätte nie geglaubt, dass sich mich wegen einiger erotischer Abenteuer verlässt. Plötzlich fühlte ich eine grenzenlose Eifersucht, als ich erfuhr, dass sie so schnell einen anderen Mann gefunden hat. Offenbar kränkte sie mein Fremdgehen in einem Maße, wie ich es mir nicht vorstellen konnte. Eines Tages möchte ich mich bei meiner Ex-Frau entschuldigen, aber ich weiß nicht wie." Keiner in der Runde konnte oder wollte ihm einen Rat geben, alle schwiegen.

Schließlich bekundeten die drei Männer, dass sich nach der ehrlichen Aussprache ihr Gemütszustand verändert hat und sie sich besser, befreiter fühlen. Man besprach noch, wie man die Aktion mit den Einladungszetteln starten wollte. Olaf hatte 100 Stück mitgebracht, und es wurde festgestellt, wer welche Verkehrsmittel benutzt, um sie zu verteilen.

Am nächsten Sitzungstag erschien ein zwölf-jähriger Junge. Er hat die Einladung in der U-Bahn gefunden, möchte aber nicht Mitglied im Club der Bereuer werden, wie er sich ausdrückte, weil der Mitgliedsbeitrag sein Taschengeld verringert. Er hat ein schlechtes Gewissen, denn sein Klassenkamerad hat ihn überredet, Fotos von seiner Lehrerin ins Internet zu stellen. Und zwar Fotomontagen, in denen sie in sexuellen Stellungen abgebildet ist. Der Junge hat jetzt Angst, nach den Ferien Ärger in der Schule zu bekommen. Die Clubleitung riet ihm, die obszönen Fotos sofort zu löschen, und der Junge ging erleichtert nach Hause.

Nach einer halben Stunde erschien eine dreißigjährige Frau, sie ist diejenige, die in der Zeitung Schlagzeilen machte. Pressechef Holger war von ihrer Erscheinung gleich angetan, eine brünette Erscheinung mit weiblichen Rundungen. Sie erzählte, sie wurde von der Polizei aus dem Verkehr gezogen, weil sie in ihrem Golf Schlangenlinien fuhr, außerhalb der City, wie sie entlastend bekannte, aber es wurden vier Promille festgestellt. Dabei ist sie keine Alkoholikerin, hatte aber Ärger mit ihrem Mann und im Betrieb. Schuld war der Wei?wein, vielleicht ein zwei Schnäpse, sie kann sich nicht mehr erinnern. Die Clubmitglieder stellten mehrere Fragen, die aber keine weiteren Erkenntnisse über den Umgang der Frau mit Alkohol brachten. Jedenfalls machte sie einen geläuterten Eindruck.

Kassenwart Olaf gab ihr einen Aufnahmezettel als Clubmitglied, aber sie sagte, das möchte sie nicht unterschreiben. Sie war in der DDR in der führenden Partei und in verschiedenen Massenorganisationen, und sie hat nach der deutschen Wiedervereinigung entschieden, sich nie wieder politisch zu binden oder wählen zu gehen, sie möchte jetzt sehen, was ihr die Freiheit bringt. Als sich die Frau verabschiedete, lief ihr Pressechef Holger hinterher, wollte sich mit ihr verabreden.

Nach einem Monat, während der vierten Sitzung, erschien niemand, der Mitglied im Club der Reumütigen werden wollte. Der Vorstandsvorsitzende Christian sagte, nachdem man eine Stunde lang auf einen Besucher gewartet hatte: "Ich habe mal einige Zeitungsausschnitte mitgebracht und frage mich: Wo bleiben die Leute, die sich unverschämt benommen haben? Wo ist der Mann, der sich in Gaststätten voll frisst und anschließend dem Kellner erzählt, dass seine Geldbörse leer ist? Wo ist der Arbeitslose, der in einem Arbeitsamt ein Zimmer mit Brennspiritus anzündete, weil er mit Hartz IV nicht aus-kommt? Wo steckt der Telefonbetrüger, der sich bei alten Leuten als Verwandter ausgibt und wegen eines angeblichen Autounfalls Bargeld abholen will?" Als auch nach fünf Wochen keine Mitglieder gewonnen werden konnten, meldete sich Pressechef Holger zu Wort: "Ich schlage vor, die Clubarbeit zu beenden." Geschäftsführer Christian philosophierte: "Vielleicht ist die Zeit noch nicht reif für einen Club wie den unsrigen. Ich hatte Politiker erwartet, die sich von falschen Wahlversprechungen distanzieren, Unternehmer, die Entlassungen bereuen. Lasst mich mal in nächster Zeit überlegen: Vielleicht finden wir eine andere soziale Komponente, damit Menschen zu Ehrlichkeit und Würde zurückfinden." Kassenwart Olaf, der viel Computerpapier für die Werbezettel umsonst bedruckt hatte, stimmte der Geschäftsauflösung zu, und Christian musste letztlich klein beigeben. Während des Gesprächs machte Pressechef Holger einen eher abwesenden Eindruck. Er dachte ständig an die brünette Frau mit den weiblichen Rundungen, die kein Mitglied im Club der Reumütigen werden wollte.

ENDE


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